Berenika Zeller erlangte einen Masterabschluss in Osteuropa Studien mit den Nebenfächern Geschichte und Sozialwissenschaften von der Universitäten Bern. Während ihrer akademischen Studienaufenthalte studierte sie an der Karlsuniversität in Prag (SEMP-Program), an der HSE in Moskau (MILSA) und an der Universität Genf (Swiss Mobility-Program). Seit September 2023 ist sie Doktorandin im vom SNF geförderten Projekt Epicentre of Territorial Revisionism. Ihre Dissertation mit dem vorläufigen deutschen Titel „Geteiltes Neuland. Schauplätze des Zusammenlebens und Arbeitens in der Podkarpatská Rus/Karpato-Ukraine, 1919–1939“ (Arbeitstitel) auf Englisch: „Shared Frontier. Sites of Coexistence and Work in Subcarpathian Rus/Carpatho-Ukraine, 1919–1939 (working title)“.
Titel des Promotionsvorhabens
„Geteiltes Neuland. Schauplätze des Zusammenlebens und Arbeitens in der Podkarpatská Rus/Karpato-Ukraine, 1919–1939“ (Arbeitstitel)
Abstract
Als die westlichste Region der heutigen Ukraine nach dem Ende des Ersten Weltkriegs von Ungarn abgetrennt und der Ersten Tschechoslowakischen Republik (ČSR) zugeteilt wurde, sollte die bis dahin kaum bekannte und von Armut geprägte Region in den neuen Staat integriert werden. Neben dem Bau von Verkehrs- und Kommunikationsnetzen wurden tausende Neusiedler:innen, darunter zahlreiche Beamte, Ingenieure, Sozialarbeiterinnen, Polizisten, Grenz(finanz)wächter und Lehrerinnen, in den folgenden zwei Dekaden in den Karpatenraum beordert und beteiligten sich am infrastrukturellen «Aufbau» («budování») der Region, die fortan «Podkarpatská Rus» genannt wurde. Dies bedeutete für die bis dahin zu Ungarn gehörende Bevölkerung einen Einschnitt in alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens.
Das Dissertationsprojekt zielt darauf ab, das Zusammenleben der Akteure der ČSR und die Reaktionen der lokalen Bevölkerung im Zeitraum von 1919 bis 1939 zu untersuchen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Zusammenleben und Zusammenarbeiten in der Podkarpatská Rus (ab 1938: Karpato-Ukraine) und wird anhand von Berufsgruppen analysiert. Eingang in die Untersuchung finden die Frontier-Berufsgruppen wie die Sozialarbeiter:innen, Grenz(finanz)wächter, Schmuggler:innen, Beamt:innen, Lehrpersonen, Sozialarbeiterinnen, Ärzt:innen, «Agrar-Kolonist:innen», Rotkreuzschwestern und Pfleger:innen. Die Berücksichtigung der mikrohistorischen, biographischen Ebene innerhalb der Berufsgruppen spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Betrachtung von Berufsgruppen beinhaltet die Untersuchungskategorien gender, class, intersectionality, ethnicity, nationality, multiple identities.
Verortet wird das Zusammenleben in ausgewählten Schauplätzen: die Grenze/der Grenzraum, das Handels-, das Bildungs-, Vereins- und das Gesundheitswesen, wobei alle miteinander zusammenhängen.
Gefragt wird nach den Auswirkungen der Umbruchszeiten auf die lokalen sozioökonomischen Topographien, nach den sozioökonomischen Mobilitäten innerhalb der neuzusammengesetzten Bevölkerung, nach lokalen Aushandlungsprozessen (agency) zwischen Zentrum und Peripherie.
Der theoretische Rahmen lehnt sich an verschiedene Ansätze an: Etwa mit einer postkolonialen Perspektive sollen Einblicke in das koloniale Gefälle des tschechoslowakischen Modernisierungsprojekts gegeben, aber auch Handlungsspielräume und lokale agency herausgearbeitet werden.
Die Untersuchung berücksichtigt sowohl die staatlichen Grenzverschiebungen als auch die Folgen der Abkoppelung vom kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum Budapest und der Anbindung an den tschechoslowakischen Staat. Gefragt wird nicht nur nach dem Wandel im Arbeitsleben, sondern auch dem Alltäglichen und Familiären. So wird aufgezeigt, wie die Grenze zwischen Ungarn und der Tschechoslowakei nicht nur territorial, sondern auch sozial, ökonomisch und kulturell verschoben wurde.
Forschungsschwerpunkte
Geschichte Mittel- und Osteuropas mit Schwerpunkt Karpatenraum
Die Karpato-Ukraine und die Karpaten im 19. und 20. Jahrhundert
Geschichte der Tschechoslowakei (1918–1939)
Historische Anthropologie
Postkoloniale Studien, kulturelle Hybridität, Third Space, Spatial Turn
Grenzräume und Border Studies
Identitäten, Zugehörigkeiten, Gender
Kulturgeschicht